20.01.2020

Wie misst man Reha-Erfolge?

Patientin Petra Müller ist heute schwungvoll unterwegs: Gerade kommt sie aus der Physiotherapie, zurück auf Station legt sie aber nur rasch die Jacke ab und verlässt das Zimmer gleich wieder in Richtung der Sofaecke vorne links, wo das Blutdruckmessgerät steht. Es ist Zeit, den Puls zu kontrollieren.

Doch halt – jetzt muss Frau Müller erst einmal fünf Minuten durchschnaufen.

Sonst würde sie zu hohe Werte messen! So steht es auf einem Plakat, das an der Wand hängt. Es zeigt eine Anleitung zum Blutdruckmessen und gibt Patienten Hinweise zu den fünf typischen Messfehlern.

Kardiologe Dr. Franz van Erckelens, der in seinem weißen Arztkittel über den Flur läuft, grüßt und schmunzelt.

Die zwei großen Reha-Ziele: Patienten geht es besser – und sie leben länger

Die zwei großen Reha-Ziele: Patienten geht es besser – und sie leben länger

Dass die Patientin selbstständig ihren Blutdruck misst, ist für ihn ein erstes Zeichen erfolgreicher Rehabilitation. Als er nach der Visite eine halbe Stunde später zwei Stockwerke tiefer wieder am Schreibtisch seines Büros angekommen ist, erklärt er seinen Grund zur Freude: „Die zwei großen Ziele einer Reha sind, dass es Patienten mit den Maßnahmen erstens besser geht und dass sie dadurch zweitens länger leben. Diese Wirkung können wir aber nicht allein dadurch erzielen, dass wir hier drei Wochen lang Übungen machen. Sondern nachhaltig wirkt Reha erst dann, wenn wir Patienten beibringen, wie sie insgesamt mit ihrer Gesundheit selbst besser umgehen können.“

Dazu gehören einfache Methoden, um den eigenen Gesundheitszustand zu kontrollieren. Wie bei Petra Müller, die nach einem Herzinfarkt im Reha-Zentrum Gernsbach lernte, wie man den Blutdruck misst. Andere Patienten kontrollieren die Blutgerinnung oder den Blutzucker mit einem Piks in die Fingerkuppe oder beginnen sich regelmäßig zu wiegen, um anhand des Körpergewichts rechtzeitig festzustellen, wenn sich Wasser in den Beinen einlagert.

Das kann ein Hinweis auf Herzschwäche sein. Und wieder andere fangen in der Reha an mit einer Schrittzähler-App zu arbeiten, um Bewegungsmangel vorzubeugen, einem der Hauptrisikofaktoren für chronische Erkrankungen. „Erst gestern erzählte mir ein Patient stolz, er sei heute schon 12.000 Schritte gelaufen“, erzählt Franz van Erckelens.

Der Mensch braucht Zahlen, denn sie machen Erfolge sichtbar, und das motiviert.

- Dr. med. Franz van Erckelens

Aber nicht nur Patienten brauchen Zahlen, sondern auch die Krankenkassen. Verbessert sich die Leistungsfähigkeit? Kann der Patient nach drei Wochen länger am Stück gehen? Pumpt sein Herz wieder besser? Solche Daten erheben van Erckelens und sein Team im Alltag regelmäßig, um den Kostenträgern Erfolg nachweisen zu können. Aber das reicht nicht, findet er.

„Es braucht auch wissenschaftliche Fakten zur Reha.“ Und die gibt es mehr und mehr, denn an den ersten Universitäten und nach ihrer Behandlung in der Uniklinik Halle (Saale) erneut kontaktiert wurden: Von denjenigen Patienten, die eine Reha besucht hatten, hatten deutlich mehr überlebt.

„Die Wahrscheinlichkeit, einen zweiten Herzinfarkt zu kriegen, liegt im ersten Jahr normalerweise bei 40 Prozent“, sagt van Erckelens, „und der kann tödlich sein. Dagegen wirkt Reha offensichtlich erfolgreich, und dafür haben wir jetzt den wissenschaftlichen Beleg.“

Als Franz van Erckelens noch Medizin studierte, gab es an seiner Universität kein Seminar über Rehabilitation.

Wissenschaftlich bewiesen: Reha beugt zweitem Herzinfarkt vor

Wissenschaftlich bewiesen: Reha beugt zweitem Herzinfarkt vor

„Rehabilitation ist nicht spektakulär, sondern sie ist Basisarbeit“, so der Kardiologe, „und noch dazu stehen die meisten Kliniken auf der grünen Wiese, fernab von den Universitäten.“ Nun aber verzahnen sich Forschung und Praxis immer mehr. 

Die wissenschaftlichen Studien, die er in Vorträgen gern zitiert, stammen beispielsweise von der deutschen Gesellschaft für kardiologische Rehabilitation und dem Institut für Herzinfarktforschung Ludwigshafen.

Dr. Franz van Erckelens schaut aus dem Fenster seines Büros. Die Bäume des nah gelegenen Waldrands sind herbstlich bunt gefärbt. Viele Patienten genießen diesen Ausblick, für die fitteren Rehabilitanden will das Reha-Zentrum ab 2020 Ausflüge und Therapien im Wald anbieten. Reha auf der grünen Wiese, das ist gut und soll so bleiben. Aber um all das zu erhalten, um Patienten individuell zu versorgen, braucht es auch Zahlen, Daten, Fakten.

Ihr Ansprechpartner

Dr. med. Franz van Erckelens

Dr. med. Franz van Erckelens

Chefarzt der Fachklinik für Innere Medizin und Kardiologie

MEDICLIN Reha-Zentrum Gernsbach