20.01.2020

Geriatrie braucht Orthopädie

Die Gesellschaft altert – und verändert das Gesundheitssystem. Keiner weiß das so gut wie die Orthopädin Dr. Cornelia Schopp. Seit zehn Jahren arbeitet sie in leitender Position als orthopädische Chefärztin im MEDICLIN Reha-Zentrum Gernsbach. Jetzt wird ihr Team in eine andere Abteilung integriert: Die Geriatrie, die Abteilung für Altersmedizin.

Frau Dr. Schopp, warum braucht die Geriatrie Ihre Kompetenz als Orthopädin?

Weil wir unsere Kompetenzen besser bündeln wollen. In der Geriatrie fließen viele Fachrichtungen zusammen, denn ältere Patienten haben oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig.

Wenn jemand mit einer geriatrischen Indikation zu uns in die  Reha kommt, heißt das zunächst, dass er meist 70 Jahre oder älter ist und noch einen umfassenden Unterstützungsbedarf hat. Aber es sagt nichts über die Fachrichtung der Grunderkrankung aus. Die Einweisungsdiagnose kann aus dem Fachgebiet der Inneren Medizin, der Neurologie, der Orthopädie, der Unfallchirurgie, der Neurochirurgie oder aus weiteren Fachbereichen kommen. Deshalb brauchen wir unter dem Dach der Geriatrie viele verschiedene fachärztliche Spezifizierungen, um den Patienten gerecht zu  werden.

Haben beide Abteilungen auch schon früher zusammen gearbeitet?

Ja, denn mehr als 40 Prozent der geriatrischen Patienten kommen schon seit Jahren aus orthopädischen oder unfallchirurgischen Kliniken zu uns – nach Knochenbrüchen, Einbau von Hüft- und Knieprothesen oder Wirbelsäulenoperationen. Bislang unterstütze ich die geriatrische Abteilung punktuell, wenn meine internistischen Kollegen spezielle orthopädische oder unfallchirurgische Fragen haben.

Diese Zusammenarbeit können wir jetzt konsequent auf eine neue Basis stellen, mit aller nötigen Fachkompetenz.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit  dem Fachbereich der Geriatrie?

Seit vielen Jahren betreue ich Patienten, die reich an Lebensjahren sind. Bereits 2012 war  ich mit dem damaligen Chefarzt unserer geriatrischen Abteilung eng im Gespräch, weil ich mich zur Geriaterin weiterbilden wollte.

In Deutschland haben wir einen erheblichen Mangel an Ärzten, die die Zusatzbezeichnung „Geriatrie“ führen. Aber die Ärztekammer lehnte das ab. Als Chefärztin hat man in Deutschland keine Chance mehr zur Weiterbildung. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, dass ich meine Chefarzttätigkeit während der  Weiterbildungszeit von 18 Monaten hätte ruhen lassen. Das war damals keine Option.

Nun hat es doch geklappt: Als Oberärztin in der Klinik für geriatrische Rehabilitation konnten Sie jetzt mit der Zusatzweiterbildung schon beginnen.
Worauf freuen Sie sich?

Das Angebot, in die geriatrische Zusatzweiterbildung zu gehen, ist für mich ein Geschenk.  Es ist eine sinnvolle Weiterentwicklung meiner beruflichen Laufbahn.

Nach meinen ersten zwölf Berufsjahren mit operativer Tätigkeit hatte ich in den orthopädischen Rehabilitationsbereich gewechselt. Und den kann ich nun um den speziellen geriatrischen, altersmedizinischen Aspekt erweitern.

Ich freue mich auf die Herausforderung und darauf, sehr viel lernen zu können. Das ist die ideale Basis, um die geriatrische Rehabilitation für die aktuellen und zukünftigen Notwendigkeiten in einer alternden Gesellschaft zu modernisieren.

Wir arbeiten in einem vertrauensvollen Netzwerk mit zuweisenden Kollegen. Sie wissen, dass wir einen umfassenden Blick auf die Patienten haben und zum Beispiel „nicht nur nach dem Knie“ schauen, sondern auch nach Blutdruck, Blutzucker oder was sonst von Nöten ist.

- Dr. med. Cornelia Schopp

Es ist mir wichtig zu betonen, dass wir unseren Patientenstamm im Wesentlichen nicht verändern, sondern entsprechend der demographischen Entwicklung die wachsenden Bereiche der Altersorthopädie und der Alterstraumatologie unter dem Dach der Geriatrie etablieren. Die ärztlichen Kollegen aus den orthopädischen, unfallchirurgischen und neurochirurgischen Kliniken des Klinikums Mittelbaden mit den Standorten Baden-Baden, Rastatt, Bühl, Forbach sowie den Karlsruher Kliniken können weiterhin darauf vertrauen, dass wir eine heimatnahe Weiterversorgung ihrer Patienten anbieten, insbesondere der älteren Patienten.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Die Krankenkassen sollten den Wert von Rehabilitation anerkennen und steigern. Bei der Betrachtung der Kostenstruktur der Krankenkassen machen die Kosten für Rehabilitation rund zwei bis drei Prozent der Gesamtkosten aus. Durch den enormen Kostendruck auf die Krankenhäuser werden die Patienten immer früher entlassen, beziehungsweise immer früher den  Rehabilitationseinrichtungen zugewiesen. Um diese Patienten suffizient zu rehabilitieren, müssen die Rehabilitationskliniken finanziell gestärkt werden.

Je besser und selbstständiger die Patienten nach der Rehabilitation nach Hause gehen, umso mehr werden Folgekosten für Pflege- und Krankenkassen eingespart. Das wäre gesamtwirtschaftlich sehr sinnvoll.

Ihre Ansprechpartnerin

Dr. med. Cornelia Schopp

Dr. med. Cornelia Schopp

Oberärztin der Fachklinik für Geriatrische Rehabilitation

MEDICLIN Reha-Zentrum Gernsbach